Der Pauschaltourist

Jetzt beginnt sie wieder, die schönste Zeit des Jahres, in der man eine ganz besonders ulkige Lebensform in seinem natürlichen Lebensraum beobachten kann.
Eine Spezies die man kaum beschreiben, sondern einfach nur erleben muss.
In der oberbayrischen Provinz in Orten wie Inzell oder Ruhpolding einfach als „die Fremden“ bezeichnet, hausen und vegetieren sie in sog. „Fremdenzimmern“:
Das ist der Pauschaltourist der Kategorie „All-inclusive“

Besonders lustig sind All-inc Pauschaltouristen aber in ihrem natürlichen Jagdrevier zu beobachten – in speziellen Ballungszentren dieser Welt. Bibione, Ballermann und Balaton.
Die Vorliebe für Begriffe die mit B beginnen, ist dabei nicht nur Zufall, sondern Programm.
Brüste, BilligBier und Bumsparaden gehören zum Standardrepertoire.
Doch auch fernab der bekannten Ballungszentren dieser Spezies, werden spezielle Gehege eingerichtet, um sie in ihrem natürlichen Lebensraum zu halten.
Wie im Zoo werden diese speziellen Lebensräume meist Resort genannt.
Streng dem Motto folgend, „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ ist man im Resort stets bemüht, dem Pauschaltouristen die Nahrung zu kredenzen, die er auch von zuhause kennt.
Die besten Bewertungen erhält dann auch meist das Resort, dem es am besten gelingt, die Unterschiede zum heimischen Fraß so gering wie möglich zu halten.
Dies beinhaltet natürlich auch den typischen Papp-Geschmack aus Dosen so hinzubekommen, dass wirklich alles gleich schmeckt. Der Pauschaltourist dankt dies, in dem er seinen Teller brav leer frisst.

Besonders das Verhalten am Buffet zu den täglichen Fütterungszeiten ist beachtenswert.
Hier setzen sich die starken Tiere im Rudel durch. Wer hier zimperlich ist, bekommt ganz dezent ´nen Teller in die Rippen oder einen Ellenbogen ins Gesicht geknallt.
Damit sich der All-Inclusive-Gast nicht versehentlich außerhalb des Resorts mit normalen Menschen vermischt, kennzeichnet man ihn mit schrillen, neonfarbenen Plastikarmbändchen.
Diese haben den selben Effekt wie eine Fußfessel. Dies funktioniert so gut, dass es mich nicht wundern würde, wenn wir eines Tages auch unsere Straftäter und JVA Insassen in solche „All-Inc“-Ferienresorts entlagern.
Der Pauschaltourist wird auch nie eine Fütterung auslassen. Egal ob er Hunger hat oder nicht. Er findet sich pünktlich Morgens, Mittags und Abends an den Trögen ein um zu fressen.
Je weniger der Pauschaltourist innerhalb seines Geheges daran erinnert wird, dass er sich eigentlich im Ausland befindet, umso besser.
Ausländer sind dem gemeinen Pauschaltouristen eher suspekt, weshalb er sich am liebsten mit Gleichgesinnten umgibt um zusammen aus der Bildzeitung zu erfahren, was zuhause passiert.
An den Strand geht ein eingefleischter Pauschaltourist eher selten. Viel zu groß ist die Gefahr hier auf Unbekanntes zu treffen. Er richtig sich lieber sein eigenes Gehege am Pool ein.
Er braucht ein Gefühl des Vertrauten, um sich entfalten zu können. So wird „sein Stuhl“ auch mit seinem Handtuch markiert – ähnlich wie es Hunde machen wenn sie „ihren Baum“ markieren.

Besonders wichtig ist eine durchgängige Dauerbeschallung mit den neuesten Hits der 80er und 90er Jahre. Hier war die beste Zeit im Leben des klassischen Pauschaltouristen, daran möchte er erinnert werden am besten 24h am Tag.
Weil ein Pauschaltourist „All-Inc“ nicht weiss was er mit seiner Zeit zwischen den Mahlzeiten anfangen soll, ist es empfehlenswert für die Pfleger, auf ein durchorganisiertes Unterhaltungsprogramm zu achten.
Von der Seniorendisco bis zum Bingo.
Hierzu werden extra Animateure beschäftigt die zu den Pauschaltouristen ins Gehege geworfen werden.

Diese Animateure müssen allerdings vom besonders harten Schlag sein und es ist empfehlenswert, dass sie vor ihrer Aufgabe als Animateur mit dem Leben weitgehend abgeschlossen haben. Patientenverfügung und Organspenderausweis inklusive.
Es ist zu beachten, dass der Pauschaltourist All-Inc, mit Anlegen des bunten Plastikbändchens seine Eigenverantwortung abgibt und sein Hirn auf ein Minimum herunter fährt, gerade genug um Atmung und Herzschlag aufrecht zu halten.
Dieses besondere Verhalten rührt daher, dass der Pauschaltourist vor Auge hat, dass er alles All-Inclusive bezahlt hat und somit ihm auch alles gehört – ein gefährlicher aber in seiner Denkweise logischer Umkehrschluss.
Dieser inkludiert natürlich, den jungen Animateurinnen jederzeit an die Möpse packen zu dürfen, denn wie bereits beschrieben hat er ja für alles bezahlt also auch die Plastiktitten der Maitresse.
Wem das klar ist, kann sorgenfrei feiern – denn Unterschiede zwischen anderen Pauschaltouristen, Personal, Animateuren oder Hotel-Prostituierten sind vage und im Getümmel kaum noch vorhanden.

pauschal tourist

Den Pauschaltouristen kann man in seinem natürlichen Umfeld leicht erkennen.
Die Männchen fallen durch ihr typisches Freizeitkleid auf, zu dem unbedingt ein lustiges Hütchen gehört, was er zuhause niemals tragen würde.
Die Weibchen verlieren nach Einzug ins Gehege sämtliche Verbindung zu Mode und selbst Grundlagen davon was man tragen darf und was nicht verschwinden gänzlich.

Der klassische Pauschaltourist hat zwar immer einen Fotoapparat bei sich, aber nicht um die schöne Landschaft zu fotografieren – das interessiert ihn herzlich wenig.
Viel mehr benötigt er Bilder für die Dokumentation das ist seine primäre Aufgabe zur Ferienzeit.
Tagsüber inspiziert er auf Knien sein Gehege und Schlafplatz und fotografiert alle Sehenswürdigkeiten vom Haar auf der Matratze bis zur Schabe im Bad. Das alles hilft ihn bei seiner Lieblingsbeschäftigung – Reisepreisrückerstattung.
Er weiss wonach er zu suchen hat, denn kennt er aus seiner eigenen verschimmelten Hartz4 Bude zu genau, worauf er achten muss. Er kennt alle Schwachstellen und er findet sie.

Am Ende ist für ihn dann ein Urlaub richtig gut, wenn er kaum bemerkt hat wie weit er sich ins Ausland gewagt hat und seine Befriedigung erzielt er daraus, diesen Ausländern erfolgreich gezeigt zu haben, in welch einem Saustall er vegetieren musste während seiner Ferienzeit.

Das ist für ihn Befriedigung pur – und wenn alles passt, kommt er gerne wieder.

 


 

Dazu ein empfehlenswerter Erfahrungsbericht

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Abscheu Inclusive

Irgendwo im Süden, nachts um 2:30 Uhr. Aus dem Nebenzimmer ist ein gleichmäßiges Schnarchen zu vernehmen, im Takt zu einem elektrischen Geräusch, das sich anhört wie von einem Sauerstoffgerät. Vom Flur kommen Schritte, Gelächter, ein bierbeseeltes „hasta mañana!“, Türenknalllen. Das Schnarchen wird kurz übertönt. Ich bin in der Hölle. Der Pauschaltouristenhölle.
„Man muss alles im Leben mal ausprobiert haben“, das war wohl mein Hintergedanke als ich naiv und unschuldig diese Reise buchte. Aus dem Urlaub wurde dann eher eine Studie über den gemeinen All Inclusive Touristen und das Umfeld, in dem er sich bewegt. Dazu muss ich sagen: ich war kein All-Inclusive Gast. Deswegen hatte ich auch ein orangefarbenes Bändchen, das quietschegrell aus all dem grün und lila herausstach und aus 500 Metern Entfernung schrie „Die verweigert sich und hält sich für was Besseres! Deswegen muss die für die gepanschte Plörre auch extra zahlen!“
Da ich relativ spät am Tag anreise, breitet sich das ganze Elend erst am kommenden Tag vor mir aus. Der Weg in den Frühstücksraum verheißt schon nichts Gutes. Rund um den Pool schleichen sich peinlich berührte Familienväter herum, um im Vorbeigehen riesige pinkfarbene Handtücher auf die Liegen zu werfen, die der Holden den kürzesten Weg zum Nachmittagssnack garantieren.
Das „Restaurant“ entpuppt sich als bahnhofshallenähnlicher Saal, dessen Interieur auch im Ostblock der 70er Jahre nicht mehr als up to date gegolten hätte. Hilfslos stehe ich in dem großen Raum, in dem eine Lautstärke herrscht wie in einem Fussballstadion nach Spielabbruch und entscheide mich für einen Tisch in der Nähe des Buffets. Als ich mich setzen will, knallt ein älterer Herr mit Prag-Shirt, ausgeleierten Shorts und Kunstlederbauchtasche sein Glas mit Automatensaft auf den Tisch und sieht mich triumphierend an. Was für die Liegen die Handtücher sind, ist für Tische Automatensaft, dass wird die erste Lektion sein, die ich hier lerne. Dem Herrn werde ich noch öfter über den Weg laufen. Ich erkenne ihn in den nächstem 7 Tagen an dem Prag-Shirt und den ausgeleierten Shorts. Anscheinend ist er mit leichtem Gepäck gereist, vermutlich nur mit Bauchtasche. Na ja, ist ja schließlich Urlaub, da muss man sich auch mal gehenlassen dürfen.
Dann kommt auch schon die nächste Lektion: ich darf mich mit einem orangefarbenen Bändchen nur in den Bereich für orangefarbene Bändchenträger setzen, der in der beschissensten Lage positioniert ist, die es hier gibt. Kurzzeitig fühle ich mich an einen Film von HaPe Kerkeling erinnert, den ich seinerzeit ziemlich überzogen fand.

Der beschissene Platz hat aber den Vorteil, dass jeder, also wirklich jeder, der sich was vom Buffet holen will, an meinem Platz vorbei muss. Somit liegt mein Blick frei auf sämtliche Urlauberabgründe. Da gibt es die, die schon direkt vom Buffet essen, weil sie Angst haben, dass ihr Teller zu klein ist. Dann gibt es die, die augenscheinlich zuviel vom Buffet gegessen haben, so dass ihre Hose 2 Größen zu klein geworden ist und dadurch ein reizendes Maurerdekolleté zur Schau gestellt wird. Eine schwangere Frau, die sich trotz 8-Monats-Kugel noch in ihre alten Klamotte in Form eines Mini-Catsuits quetscht und so alle Einzelheiten der weiblichen Anatomie preisgibt. Ein rotgefärbter Mann, dessen prüfendem Blick die Sauberkeit der Teller nicht standhalten kann. Kurzerhand wischt er ihn am Hinterteil seiner Hose ab, bevor er geschätze 1,3 Kilo Bohnen mit Speck darauf klatscht. Ich habe genug gesehen.
Noch guten Mutes in dem Wissen dass ich das Hotel des Horrors nur nachts aufsuchen muss, mache ich mich auf zu einem Spaziergang, der in einen Gewaltmarsch ausartet und dank des kühlenden Windes vom Meer mit dem ersten Sonnenbrand meines Lebens endet. Und zwar so schlimm, dass ich den zweiten Tag meines Urlaubs im Hotelzimmer verbringen muss, rot wie ein frisch gekochter Hummer, eingeschmiert mit einer Ganzkörperjoghurtmaske und eingedeckt mit einem Jahresvorrat Schmerztabletten. Gleich nach dem Frühstück haue ich mich wieder hin, da Schlaf ja immer hilft, irgendwie. Drei Minuten später sitze ich senkrecht im Bett. Der hoteleigene Jingle wabert über 500.000 Watt Boxen durch die geschlossenen Türen des unklimatisierten, 30 Grad warmen Zimmer. Kurz darauf kreischt eine Frauenstimme das heutige Animationsprogramm in 4 Sprachen über die übersteuerte Anlage. Als erstes steht also Wassergymnastik auf dem All-In Erlebnisplan. Dank Neugier und bestem Blick auf den Pool sehe ich dann, wie 3 übergewichtige Damen ihre Massen ungelenk durch das Wasser wuchten, angetrieben von den Motivationsschreien eines ca. 20-jährigen, durchtrainierten Spaniers, der sich die Flirts mit den Touristinnen wahrscheinlich auch anders vorgestellt hatte. Mein Blick schweift über die Poolanlage und bleibt an einem etwa 70-jährigen Paar hängen, das sich im Schatten des Sonnenschirms übelst befummelt. Unter einem Anflug leichter Übelkeit verbarrikadiere ich mich dann doch wieder im Zimmer und schalte den Fernseher ein, wo ich die Wahl zwischen ZDF und RTL habe. Irgendwann schlafe ich dann wieder ein.

„SEVEN! SIETE! SEPT! SIEBEN!“ grölt es über die Anlage. Aha. Bingo also. Die Ziehung der Zahlen wird wieder untermalt vom altbekannten Jingle. Irgendwann ist zum Glück auch das vorbei. Aber das Programm geht weiter und weiter und immer weiter…
„Heute abend um 20:30 findet unsere Adlershow statt!“ schallt es vom Pool herüber. „Prima“ denke ich, mit dem Bild vor Augen wie der Adler allen Anwesenden die Augen aushackt. Wird leider nur ein frommer Wunsch bleiben. Ich quäle mich zum Abendessen.

´Zum Dinner wird um angemessene Kleidung gebeten` steht auf dem Schild vor dem Restaurant. Dass heisst hier, dass man sich Socken zu den Sandalen anzieht und den Oberkörper notdürftig mit alten Lumpen behängt, vorzugsweise beschriftet mit dem Aufenthaltsort des letzten Urlaubs. Das Hotel hatte die tolle Idee, jeden Abend einen Themenabend zu machen: mal gibt es italienisches Essen, mal deutsches und niemals landestypische Küche. Heute gibt es chinesisch. Ich schaue mir das an und biege vorsichtshalber ab zum Salatbuffet. Während ich da so mit meiner Gabel im Essen rumstochere, läuft der Koch vorbei, klopft auf meinen Tisch und nickt mir aufmunternd zu. „Hilf mir!“ will ich ihm zurufen „Hol mich hier raus!“, aber ich fürchte dafür reichen meine Sprachkenntnisse nicht aus.
Nach dem Essen startet das Abendprogramm. Die Boxen werden wieder rausgestellt und dann wird sich amüsiert. Das Musikprogramm deckt die kompletten 80er und frühen 90er Jahre ab. Chris DeBurgh, Rick Astley, Phil Collins, die junge Kylie Minouge, ja, sogar ´Last Christmas` von Wham (ausserhalb der Weihnachtszeit). 3 Mal am Abend wird zusätzlich ´Sunshine Reggae` dazwischen geschoben, damit man nicht vergisst dass man im Urlaub ist. Ich fühl mich wieder wie 10.

Nach einer Nacht fast ohne Schlaf habe ich die Nase voll und reisse mir das blöde Plastikding ab. Dabei muss ich aufpassen dass ich keinen hysterischen Lachanfall bekomme. Die restlichen Tage esse ich wann, was und wo ich will bin überall, nur weit weg von dieser Kaserne. Und da fängt der Urlaub endlich an.

Kurz vor der Abreise unterhalte ich mit mit einem anderen Hotelgast über Fussball.
„Echt, sie haben die Spiele gesehen? Wurde das hier im Hotel gezeigt?“
„Nein, Kneipe am Strand.“
„Ach so. Ich konnte ja hier nicht weg.“ sagt er und zeigt dabei auf sein grünes Armband. „All-In, wissen se“…

rentnertourist

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